Kosovo Reisen: in einem unbekannten Land, welches für meine Wetter-App nicht existiert

September 16, 2019

Du willst in den Kosovo reisen? Schweigen. Zahlreiche Fragezeichen im Gesicht. Und ein deutlich skeptisches Naserümpfen. Egal, wem ich von meiner anstehenden Reise in den Kosovo erzählte, reagierte relativ ähnlich. Ganz heftige Kritik erhielt ich vor allem aus den eigenen Reihen – und zwar von meinem engsten Familienkreis: «Bist du total übergeschnappt? Willst du tatsächlich in den Kosovo reisen? Noch dazu Kosovo mit Kind? Das ist doch Wahnsinn!». Als ich näher nachfragte, warum denn ein Kosovo Urlaub mit Wahnsinn gleichzusetzen sei, kam die Antwort wie aus einem Maschinengewehr geschossen. Viel zu gefährlich, der Kosovo ist doch ein Mafiastaat, dann die illegalen Waffengeschäfte, Drogen, organisierte Kriminalität, jeder männliche Jugendlicher besitzt eine Waffe oder zumindest ein Messer, der Kosovokrieg und dann die Spannungen mit dem Nachbarland Serbien … Puh! Ich fragte mich selber. Sind das alles nur Vorurteile über den Kosovo? Ist der Kosovo gefährlich? Und pendelt mein Plan, in den Kosovo zu reisen, irgendwo zwischen übergeschnappt und wahnsinnig? Noch dazu alleine mit meinem 4-jährigen Kind?

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land. Im zentrum von Peja

Kosovo Reisebericht: zu Besuch im jüngsten Land Europas

Ich bin ganz ehrlich! Wäre der Kosovo kein Nachbarland von Albanien, hätte ich wohl kaum eine Kosovo Reise in Erwägung gezogen. Denn als ich meine Reise nach Albanien in Kombination mit Mazedonien plante und die Karte studierte, fiel mein Blick auf diesen völlig unbekannten Fleck in Europa. Kosovo ist das jüngste Land in Europa, dass am 17. Februar 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien proklamierte – und noch heute von vielen Ländern nicht anerkannt wird. Aktuell haben erst 114 der insgesamt 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen die Republik Kosovo (so die offizielle Bezeichnung) anerkannt. Zu den 79 Mitgliedstaaten, die die Unabhängigkeit Kosovos nicht anerkennen, zählen unter anderem Serbien, Griechenland, Russland und sogar Spanien. Zweifelsohne! Keine leichte Ausgangslage für das jüngste Land Europas, über welches so wenige Menschen etwas Genaueres wissen. Obwohl es sich gerade mal 2-3 Flugstunden von Deutschland entfernt befindet.

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land.

Bis jetzt haben 79 Länder den Kosovo nicht als unabhängiges Land anerkannt – dazu gehören unter anderem das Nachbarland Serbien, Griecheland und sogar Spanien.

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land. In der Altstadt von Prizren

Die Stadt Prizren ist das kulturelle Zentrums des Kosovos.

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land.

Im Zentrum von Prizren.

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RKS? XKX? Und wie heißt die 2. größte Stadt im Kosovo?

Ich kenne zumindest kaum jemanden, der Urlaub im Kosovo gemacht hat. Und ja, ich gestehe, vor meiner eigenen Kosovo Reise wusste ich praktisch nichts über dieses kleine Land irgendwo zwischen den Ländern Albanien, Nordmazedonien, Montenegro und Serbien. Hätte Günther Jauch mich bei der 500.000 Euro Frage gefragt, welches Land das Autokennzeichen RKS hat, wäre ich ohne einen Joker kläglich gescheitert. Auch auf die Frage, für welches Land der internationale Ländercode XKX steht, hätte ich dumm aus der Wäsche geschaut. Und ebenso bei der Frage, wie die zweitgrößte Stadt im Kosovo heißt (– um es mal vorwegzunehmen, es ist Prizren), wäre ich rausgewesen. Doch auch andere scheinen sich mit dem Wissensstand über das kleine Land Kosovo schwer zu tun. Als ich zum Beispiel auf meiner vorinstallierten Wetter-App auf meinem iPhone nach Pristina gesucht habe, konnte die App die kosovarische Hauptstadt nicht finden. Unfassbar, oder? Und auch als ich dann vor Ort in Prizren war – immerhin die zweitgrößte Stadt im Kosovo – spukte mir meine Wetter-App nur ein paar kryptische Angaben zum Längen- und Breitengrad aus: 42.209395, 20.740591. Sorry, dass ich mich an dieser Stelle erneut wiederholen muss (und es wird in meinem Kosovo Reisebericht noch öfters vorkommen!), aber ist das nicht unfassbar??? Der Kosovo scheint für meine Wetter-App nicht zu existieren. Zumindest namentlich nicht!

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land.

Unfassbar, oder?

Ja, ich will in den Kosovo reisen

Diejenigen, die meinen Blog schon etwas länger verfolgen, wissen, dass mich außergewöhnliche Reiseziele, die weit entfernt von Touristenströmen sind, besonders reizen. Auch wenn ich mit meinem Kind reise. Und spätestens, als ich sehen musste, dass sogar für meine Wetter-App der Kosovo ein völlig unbekanntes Reiseziel ist, war für mich klar: Ja, ich will in den Kosovo reisen!!! Ich will mehr über dieses kleine Land im Balkan wissen!

Kosovarischer Pass – eine erschreckende Platzierung!

Als ich auf meiner Balkanrundreise im Bus von der albanischen Hauptstadt Tirana in Richtung Prizren war, hatte ich überhaupt keine Ahnung, was mich im Nachbarland erwarten würde. Irgendwie stellte ich mir die dominierende Stimmung vor Ort bedrückend vor. Ich war davon ausgegangen, dass die Kosovaren (oder auch Kosovo-Albaner genannt) größtenteils perspektivlos in die Zukunft ihres Landes schauen. Dass die Mehrheit der Menschen, unbedingt ihr Land verlassen möchte, um sich ein sicheres Fundament im Ausland aufzubauen – und nach Möglichkeiten einen anderen Pass zu bekommen. Denn nicht nur, dass bis jetzt 79 Länder den Kosovo als unabhängiges Land nicht anerkennen, nein es kommt noch schlimmer. Auf der Rankingliste 2019 des Henley Passport Indexs, der das globale Ranking von Staaten und Territorien bezogen auf die Reisefreiheit ihrer Bürger zusammenfasst, steht der Kosovo auf Platz 100 von insgesamt 109 Plätzen. Nur mal zur Orientierung: auf Platz 101 stehen unter anderem Nordkorea, Bangladesh und Eritrea. Unfassbar, oder???

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land. Blick auf Prizren

Der kosovarische Pass zählt in puncto Reisefreiheit zu den schlechtesten weltweit.

Kosovo Urlaub: hoffnungsvolle Atmosphäre auf den Straßen

Ganz schön deprimierend für das jüngste Land Europas! Doch sofort als ich im Kosovo angekommen war, merkte ich, dass sich die Kosovaren keineswegs von diesen niederschmetternden Fakten unterkriegen lassen. Im Gegenteil! Ich war echt überrascht, wie positiv und ausgelassen die Stimmung war. Die zahlreichen Cafés und Restaurants waren proppenvoll mit fröhlichen Menschen. Auf den Straßen dominierte eine hoffnungsvolle Atmosphäre – und egal, wo mein Kind und ich hinkamen, wir wurden überall sehr offen und freundlich empfangen. Oft wurden wir zwei auf den Straßen sogar auf deutsch angesprochen, da viele Kosovaren in Deutschland, Österreich oder der Schweiz leben – oder zumindest Familienmitglieder haben, die dort leben. Und wenn sie weder Deutsch noch Englisch sprachen, dann streckten sie mir oft den Daumen entgegen und fragten mich enthusiastisch: «Kosovo good?». Als ich ihnen dann mit «Kosovo very good!» antwortete, strahlten sie mich mit einem breiten Lachen an, tätschelten meinem Kind den Kopf, schenkten uns Obst und redeten in einem fröhlichen Singsang weiter auf ihrer Landessprache albanisch. So verbrachte ich meine Kosovo Reise mit vielen netten Begegnungen, die mir ein völlig neues Bild auf das Land eröffneten. Und ich musste meine Vorstellung vom Kosovo schnell revidieren. Die Stimmung im Kosovo ist definitiv nicht bedrückend und perspektivlos. Und viele Menschen, mit denen ich mich auf meiner Kosovorundreise unterhalten habe, wollten gar nicht ihr Land verlassen. Vielmehr hegten sie den Glauben, dass der Kosovo in eine positive Zukunft schreitet.

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land.

Die Mehrheit der Kosovaren sind positiv gestimmt und glauben an eine bessere Zukunft.

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land. Verkäuferin auf dem Käsemarkt in Peja

Freundliche Damen auf dem bekannten Käsemarkt in Peja.

Kosovo Reisen: zu Besuch bei den freundlichsten Menschen der Welt

Du hast es sicherlich bereits gemerkt. Ich könnte tatsächlich eine Lobeshymne auf meine Kosovo Reise anstimmen. Denn ja, der unbekannte Fleck auf der europäischen Karte, hat mich im positiven Sinne einfach umgehauen. Seine charmanten Städte wie Prizren, Gjakova und Peja mit malerischen Steinbrücken, hübschen Häusern im ottomanischen & byzantinischen Stil und den wunderschönen Bergketten im Hintergrund sind definitiv eine Reise wert. Dann gibt es im Kosovo viele faszinierende Moscheen und Kloster, die einen staunen lassen. Die umliegende Natur mit zahlreichen Wasserfällen, Seen und ursprünglichen Dörfern lockt vor allem Naturliebhaber und Outdoor-Fans. Aber am allermeisten haben mich auf meiner Reise nach Kosovo die Menschen beeindruckt. Schnell hatte ich das Gefühl, dass die Kosovaren zu den freundlichsten und hilfsbereiten Menschen der Welt gehören – und dass wir als Touristen wirklich willkommen waren. Ständig bekamen mein Kind und ich etwas geschenkt, am Busbahnhof rannte ein Mitarbeiter tatsächlich einem Bus hinterher und hielt ihn für uns an, damit wir noch mitkonnten und nicht zwei Stunden warten mussten, als wir von einem heftigen Regenschauer erwischt worden sind, lud man uns in eine Werkstatt ein und bot uns Kaffee und Kekse an. An einem anderen Tag, als es erneut regnete, bekamen wir Unterschlupf in einem kleinen Wollladen, wo der Besitzer mit akribischer Gründlichkeit mithilfe eines kleinen Heizluftstrahlers die nassen Klamotten von meinem Sohn trocknete. Und als wir uns auf den Weg nach Mazedonien machten, fing mich tatsächlich im letzten Moment ein Taxifahrer ab, der mir einen Zettel übergab, den ich vorher in meiner Unterkunft vergessen hatte. Der Besitzer hatte ihn gefunden und extra ein Taxi losgeschickt, um mich auf dem Weg zum Busbahnhof zu finden. Übrigens, der Taxifahrer wollte kein Geld von mir, sondern er war sichtlich überglücklich, dass er mich tatsächlich gefunden hatte. Unfassbar, oder?!!!

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land. In einer Werkstatt in Gjakova

In dieser Werkstatt in Gjakova hat man uns während eines Regenschauers eingeladen.

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land. In einem Wollladen in Peja

Nach Kosovo reisen – mein Fazit

Obwohl ich schon sehr viel gereist bin, muss ich gestehen, dass meine Kosovo Reise mich nachhaltig sehr beeindruckt hat. Und ich kann jedem, der über einen Urlaub im Kosovo nachdenkt, ermuntern, es zu tun. Der Kosovo bietet viele Sehenswürdigkeiten, es ist ein sehr günstiges Reiseland und man kann es sich dort mit einem schmalen Budget sehr gutgehen lassen. Der Kosovo ist ein sicheres Reiseziel, das Reisen vor Ort mit den öffentlichen Bussen ist völlig unproblematisch, das Essen und insbesondere der Kaffee (die Kosovaren lieben ihren Café Macchiato) sind großartig und die Menschen sind sehr offen, neugierig und herzlich. Für mich steht fest, dass ich schon bald wieder nach Kosovo reisen möchte, vor allem in die ländlicheren Regionen, um mehr über das Land und seine Menschen zu erfahren und wandern zu gehen. Insgesamt habe ich eine Woche im Kosovo verbracht: 2 Tage in Prizren, 1 Tag in Gjakova und 4 Tage in Peja. Zu meinen größten Kosovo Highlights gehörten die wundervolle Stimmung in Prizren, der spektakuläre Wasserfall in Radavac, der Käsemarkt in Peja, das Patriarchenkloster von Pec und das Kloster Visoki Decani aus dem 13. Jahrhundert. Und auch das Abenteuer Kosovo mit Kindern kann ich wärmstens empfehlen.

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land. Wasserfall von Radovic

Am Wasserfall in Radavac

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land. An der Flusspromenade in Prizren

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land. Auf dem Käsemarkt in Peja

Jeden Dienstag findet in Peja der berühmte Käsemarkt statt.

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land.

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land. Das Patriarchenkloster Pec

Das Patriarchenkloster von Pec ist eine richtige Ruhepoase mit wunderschönen Blumen.

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land. Wasserfälle

Ich hoffe, dass ich mit meinem Kosovo Reisebericht eine Lanze für das kleine Land im Balkan brechen konnte. Der Kosovo ist definitiv eine Reise wert. Vor allem, wer es gerne ursprünglich und abseits der Touristenströme mag. Und ich hoffe wirklich, dass der Kosovo in eine positive Zukunft schreitet. Als ich einen jungen 20-jährigen Mann, der mir völlig euphorisch erzählte, wie sehr er sein Land liebt und dass er hier seine Zukunft sieht, fragte, welche Bedeutung eigentlich die kosovarische Flagge symbolisiert, antwortete er: «Die blaue Farbe im Hintergrund steht für unsere Hoffnung, dass der Kosovo schon bald von allen Ländern anerkannt wird. Und die sechs Sterne für die unterschiedlichen ethnischen-Gruppierungen, die mehr und mehr zu einem einheitlichen Land zusammenwachsen». Ich finde, das ist ein sehr schönes und auch zukunftsweisendes Bild von einem unbekannten Land, welches für meine Wetter-App HOFFENTLICH schon bald existieren wird.

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land. Die Flagge von Kosovo

Die Flagge von Kosovo.

Kosovo Reisen – unterwegs in einem unbekannten Land. Im zentrum von Peja

Gedenkstätte an die Opfer aus dem Kosovokrieg. Schätzungen zufolge sind während des Kosovokrieges 3.500 Menschen gestorben, 650 Ortschaften wurde völlig zerstört, über 100.000 Menschen befanden sich auf der Flucht und mehr als 60.000 Frauen wurden vergewaltigt.

Übrigens, eine Fortsetzung von meinem Kosovo Reisebericht folgt demnächst, indem ich dir mehr von unserer Kosovorundreise erzählen und viele Kosovo Reisetipps an die Hand geben werde. Falls du selber nach Kosovo reisen möchtest.

Und bis dahin, kann ich dir diesen wunderbaren Kosovo Reisebericht «Europas letzte Wildnis? Urlaub im Kosovo» ans Herz legen.

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