Hanoi Train Street – eine touristische Attraktion geht zu Ende

Oktober 11, 2019

Die weltberühmte Train Street in Hanoi ist fast schon legendär. Mehrmals am Tag ertönt ein schriller Pfiff in dieser engen Gasse. Die Bewohner der Hanoi Train Street haben den Zugfahrplan schon längst verinnerlicht und in ihren Alltag integriert. In Windeseile räumen einheimische Händler ihre Auslagen von den Schienen. Der hiesige Frisör bringt den Hocker, auf dem er kurz vorher einem Kunden die Haare geschnitten hat, in sein Geschäft. Die Katzen, Hühner und Hunde haben sich schon längst in einem sicheren Unterschlupf versteckt. Auch sie haben den Fahrplan des Personenzuges, der bereits während des Vietnam-Krieges hier Tag für Tag vorbeigefahren ist, verinnerlicht. Cafés und kleine Restaurants bringen zügig zuerst ihre Tische und Stühle und dann sich selber in Sicherheit. Nur die Scharen an Touristen stehen noch draußen – und warten voller Spannung auf das größte Highlight in Hanoi.

Das Buch über unsere Reisen durch 22 Länder «Wie Buddha im Gegenwind». Hier LESEPROBE downloaden!

Dicht gedrängt an der kalten Hausfassade

Kurze Zeit später biegt die ratternde Lokomotive in die Train Street ein. Im erstaunlich hohen Tempo zieht sie 10 Waggons hinter sich. Die Waghalsigen unter den schaulustigen Touristen posieren noch schnell vorm Gleis, um ein Selfie zu machen. Im Hintergrund die rostige Lokomotive, die bedrohlich nah kommt. Gefühlt in letzter Sekunde retten sich die Selfie-liebenden Abenteurer zur Seite und drücken sich ganz dicht an die kalte Hausfassade. Es fühlt sich so an, als ob nur eine Haaresbreite Abstand zwischen einem und dem Zug besteht. Als ob man sogar den Bauch und den Atem anhalten müsste. Mit einem ohrenbetäubenden Lärm donnert der Zug wenige Zentimeter entfernt an einem vorbei. Mit rasendem Herzen spürt man die Wucht des Zuges am eigenen Körper. Nach ein paar Sekunden ist der Zug-Adrenalin-Kick vorbei. Menschenmassen stürmen jetzt wieder zurück auf die Gleise. In der Hoffnung noch schnell den vorbeigerauschten Zug aufs Foto zu bekommen. Während in der Train Street in Hanoi noch frenetisch fotografiert und gefilmt wird, stellen die Bewohner wieder ihre Auslagen, Frisörhocker, Tische & Stühle raus. Auch die Katzen, Hühner und Hunde laufen wiederumher. Das kurze Innehalten ist beendet, die Geschäfte können weitergehen. Bis wieder der nächste Zug in der Hanoi Train Street dicht an der eigenen Haustür vorbeirast.

Cafés an der berühmten Train Street in Hanoi müssen schließen

Zweifelsohne, die Train Street in Hanoi, die eigentlich Ngõ 224 Lê Dun heißt, ist schon ein sehr imposantes Erlebnis. Aber nicht ganz ungefährlich. Auch meine Familie und ich haben auf unserer Reise nach Vietnam mit Kind in Hanoi mit voller Spannung und rasendem Puls diesem Zug-Spektakel beigewohnt. Doch schon damals habe ich gedacht: «Puh, das kann hier auch ganz schön lebensgefährlich sein». Die vietnamesische Regierung sieht das mittlerweile auch so – und hat angeordnet, dass die ganzen Cafés und Restaurants in der Train Street in der Nähe vom Hauptbahnhof Hanoi bis zum 12.10.2019 schließen müssen. Der touristische Ansturm auf die spektakulärste Sehenswürdigkeit in Hanoi war einfach zu groß und eben auch lebensgefährlich. Zu viele waghalsige Instagrammer & Co. riskierten ihr Leben, um ein paar Minuten später DAS perfekte Zug-Selfie zu posten.

Legendäre Train Street nimmt ein abruptes Ende

Somit nimmt die legendäre Train Street in Hanoi ein abruptes Ende. Die zahlreichen Besitzer von den vielen süßen Cafés und Restaurants müssen ihre typischen Eisenbahn-Holzbänke vom Gleis räumen. Müssen die Türen ihrer Existenz schließen – und sich umorientieren. Wirklich schade! Denn auch wir haben sehr gerne unseren vietnamesischen Kaffee im legendären Station Coffee oder Train Track Café genossen. In unmittelbarer Nähe zum Gleis. Dennoch ist die Entscheidung der vietnamesischen Regierung vernünftig. Wenn sich zu viele waghalsige Touristen in Gefahr bringen, dann muss dem ganzen Spektakel halt ein Riegel vorgeschoben werden. Dennoch tut es mir persönlich sehr leid, um die Menschen der Train Street, die mit dem Zug-Spektakel ihr Geld verdient haben. Sie haben sich am Touristen-Ansturm bereichert, aber jetzt sind sie auch die Leidtragenden. Weil die Touristen zu viel für ein Foto riskiert haben. Schade! Und ein gutes Paradebeispiel, wie Menschen Orte und Traditionen zerstören können, weil sie auf der Jagd nach dem perfekten Foto sind!

Doch der Alltag in der Hanoi Train Street geht weiter

Dennoch wird das Leben in der Train Street in Hanoi weitergehen. Und auch der schrille Pfiff wird mehrmals am Tag den ratternden Zug ankündigen. Dann werden einheimische Händler wieder ihre Auslagen von den Schienen räumen. Katzen, Hühner und Hunde einen Unterschlupf suchen. Der Frisör seinen Hocker einräumen. Nur die Café- und Restaurantbesitzer müssen sich nicht beeilen. Denn ihre Türen sind bereits geschlossen.

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

I agree

Go top
Ich benutze Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.