Familienleben: Wie berufstätige Eltern trotz wenig Zeit sich und ihre Kinder glücklich machen können

September 12, 2019

Seien wir mal ehrlich! Das Familienleben kann ganz schön stressig sein. Vor allem für berufstätige Eltern. Wir müssen in unserem Job funktionieren, das Kind abholen, den Haushalt wuppen, im Kalender stehen die üblichen Familientermine – und dann wollen wir am Nachmittage nach einem stressigen Tag im Job und in der Kita mit unseren Kindern eine schöne gemeinsame Zeit mit wundervollen Aktivitäten verbringen. Wenn da nicht soooo viele andere Dinge wären, die wir parallel noch erledigen müssen … Puh, ganz schön anstrengend. Dieses Familienleben! Und vor allem berufstätige Mütter plagt oft das schlechte Gewissen, dass sie ihren Kindern nicht gerecht werden, keine perfekte Mutter sind und den Spagat zwischen Familie und Beruf nicht bewältigen. Was tun?

Ein praxisorientierter Ratgeber für berufstätige Eltern

Meine sehr geschätzte Kollegin Nathalie Klüver vom Blog „Ganz normale Mama“ hat sich genau mit dieser Thematik beschäftigt und ein Buch dazugeschrieben «Afterwork Familie – Wie du mit wenig Zeit dich und deine Kinder glücklich machst» (Partnerlink). Wirklich ein toller Ratgeber, der sehr schön und praxisorientiert den Zeitgeist vieler Familien widerspiegelt. Und vor allem berufstätige Eltern von ihrem ständigen schlechten Gewissen befreit. Nathalie verdeutlicht, dass Kinder keine perfekten Eltern, sondern ECHTE Eltern wollen, zeigt anhand vieler Beispiele & Ideen wie wir mehr Quality Time aus den wenigen gemeinsamen Stunden mit unseren Kindern herausholen können und erinnert uns daran, dass der Feierabend für berufstätige Eltern keineswegs erst beginnen muss, wenn die Kinder friedlich im Bett schlummern. Ich freue mich wirklich sehr, dass sich Nathalie Zeit für ein Gespräch mit mir genommen hat. In dem wir zwei berufstätige Mütter uns u.a. über Familienrituale, Milchreis am Sonntag, freies Spielen, Entschleunigung, Zauber im Alltag, Routinen als Sicherheitsnetz und den obligatorischen Feierabend-Kaffee unterhalten haben.

Übrigens, ich habe Nathalie auch schon zu den Themen «Burnout bei Müttern vermeiden» und »Wie man zwei Kindern gerecht werden kann» interviewt.

Familienleben – praktische Tipps wie berufstätige Eltern trotz wenig Zeit sich und ihre Kinder glücklich machen

Berufstätige Eltern müssen nach dem Feierabend viele Dinge unter einen Hut bringen – was dann meistens in Stress ausartet. Das muss nicht sein!

Liebe Nathalie, in deinem Buch greifst du spannende Begriffe auf: Afterwork-parents und Afterwork Familie, die das Familienleben von sehr vielen Müttern und Vätern gut auf den Punkt bringen. Was meinst du, was sind die besonderen Herausforderungen von uns berufstätigen Eltern im Familienalltag?

Immer mehr Eltern arbeiten – zumindest Teilzeit – und dadurch schrumpft die Zeit, die wir mit unseren Kindern am Nachmittag verbringen auf vier, fünf Stunden, je nach Betreuungszeit und Schlafenszeit, manchmal sogar nur drei Stunden. Doch in diesen Stunden haben wir auch noch so viel anderes zu erledigen: Haushalt, Einkaufen, diverse Kinderkurse, Termine wie Kinderarzt und Co. Also unglaublich viel, was wir Eltern da in dieser Feierabend-Zeit – also Afterwork – unter einen Hut bringen müssen. Was dann meist auch in Stress ausartet, in das Gefühl „ich werde niemandem wirklich gerecht“. Ich habe mich gefragt, wieso so viele Eltern eigentlich erst von „Feierabend“ sprechen, wenn die Kinder im Bett sind. Muss das sein? Kann der Feierabend nicht schon mit dem Abholen der Kinder beginnen? Ich finde schon – und wie das gelingt, habe ich im Buch aufgeschrieben!

Familienrituale und regelmäßige Tagesstruktur sollen Eltern helfen, die gemeinsame Zeit mit ihren Kindern intensiver zu nutzen. Warum sind Rituale im Familienleben so wichtig? Und wie können solche Familienrituale aussehen?

Rituale und Routinen sind wie Sicherheitsnetze, in die wir uns an stressigen Tagen fallen lassen können. Denn sie geben uns Sicherheit, eine Struktur, Verlässlichkeit. Es sind Dinge, die wir ohne großes Nachdenken, ohne Planen machen können, Dinge, auf die wir uns alle gemeinsam freuen können und die uns auch helfen, eine Familienidentität zu schaffen. Wenn ich nach einem anstrengenden Arbeitstag, an dem ich ständig improvisieren musste, weiß, dass nach dem Abholen aus dem Kindergarten ein Kaffee für mich und ein Kakao fürs Kind auf uns warten, ein Moment der Ruhe – dann ist das ein Ruhepunkt für mich, auf den ich mich freuen kann. Und das Kind genauso, denn auch der Kindergarten ist anstrengend, das dürfen wir nicht vergessen. Im Buch gebe ich viele Tipps und Beispiele für Familienrituale – das können tägliche sein wie das abendliche Vorlesen oder das gemeinsame Frühstück, monatliche wie der Besuch bei den Großeltern oder jahreszeitenabhängige Rituale wie Kastaniensammeln im Herbst und Plätzchenbacken vor Weihnachten. Das Wichtige ist, dass die Rituale und Routinen zu uns als Familie passen und auch immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden. Denn sie wachsen mit – und wenn sie das nicht tun und uns zu eng werden, ist es Zeit für neue Rituale!

Und was ist mit der regelmäßigen Tagesstruktur? Inwiefern soll sie mir als Mutter dabei helfen, mehr Zeit für mein Kind zu haben?

Durch eine verlässliche Tagesstruktur muss ich nicht improvisieren. Es entspannt ungemein, wenn man weiß, dass man um halb sechs mit dem Abendessen anfängt. Nicht nur uns Mütter, auch das Kind. Wie ich oben schon erwähnte, sind Routinen auch Sicherheitsnetze, die uns im Alltag auffangen. Das Gehirn ist ständig am Rattern, ständig beschäftigt. Wenn ich dann auch noch am Nachmittag alles improvisieren muss, stehe ich auch nachmittags unter Strom – was auf die Kinder abfärbt. Wir alle kennen das, dass die Kinder immer dann besonders unausstehlich sind, wenn wir selbst einen stressigen Tag haben.

Familienleben – praktische Tipps wie berufstätige Eltern trotz wenig Zeit sich und ihre Kinder glücklich machen

Rituale und Routinen sind wie Sicherheitsnetze im Familienleben, in die wir uns an stressigen Tagen fallen lassen können.

Du sagst: «Stress macht dünnhäutig und wer dünnhäutig ist, fährt schneller aus der Haut». Sehr schön auf den Punkt gebracht! Aber wie sollen Eltern dem alltäglichen Stress, der nun mal das Familienleben so mit sich bringt, begegnen? Und hast du Tipps, wie sich vor allem Mütter weniger emotionalen Stress machen können?

Den Nachmittag entrümpeln. So wie es guttut, die Wohnung zu entrümpeln, tut es gut, die Nachmittagstermine auf den Prüfstand zu stellen. Was sind Pflichttermine? Was machen wir aus Leidenschaft? Was machen wir nur, weil es alle machen? Lassen sich Termine anders legen? Sind ausreichend Zeitpuffer zwischen den Terminen? Bleibt genug Zeit, einfach mal nichts zu machen? Es sollte mindestens ein freier, besser zwei freie Nachmittage in der Woche geben, um einfach mal Zeit zum Spielen zu haben. Und wir Mütter sollten da gar kein schlechtes Gewissen haben, wenn unser Kind nicht mit fünf Klavierunterricht nimmt. Kinder brauchen keine Förderkurse, die beste Vorbereitung auf Schule und das Leben ist das freie Spielen!

Ach, wenn doch bloß nicht der blöde Haushalt wäre … Das denken sehr viele Mütter. Sollen wir unsere Kinder in diese alltäglichen Aufgaben einbeziehen, damit sie Verantwortung lernen, wir aber so auch mehr gemeinsame Zeit mit ihnen verbringen können? Sogar mehr quality time?

Mithelfen bei der Hausarbeit kann tatsächlich Quality Time sein, Spaß bringen und nebenbei auch noch Fertigkeiten fürs Leben schulen! Das können Kinder ganz spielerisch und es bringt ihnen wirklich Spaß. Also bis zum gewissen Grad. Wenn wir mit den Kindern zusammen im Hausarbeit vor uns hinwerkeln, dann wird sogar der Haushalt zu viel zitierten Quality Time – vorausgesetzt, wir machen es wirklich miteinander und nicht nur nebeneinanderher.

Familienleben – praktische Tipps wie berufstätige Eltern trotz wenig Zeit sich und ihre Kinder glücklich machen

Mithelfen bei der Hausarbeit kann tatsächlich Quality Time sein, Spaß bringen und nebenbei auch noch Fertigkeiten fürs Leben schulen! Foto: ©Tara Junker

Wie sieht der ideale Nachmittag nach einem anstrengenden Arbeitstag und Kitatag aus? Welche Freizeitbeschäftigungen schlägst du vor?

Kinder brauchen Bewegung, am besten in der frischen Luft. Sie brauchen Ruhepausen. Sie brauchen tägliches Vorlesen am besten vorm Schlafengehen. Sie brauchen Eltern, die sich wirklich mit ihnen beschäftigen. Und sie brauchen freies Spielen, ihre eigenen Welten, in die sie abtauchen können. Das sollte alles in einen Nachmittag gepackt werden. Dadurch dass man es ja alles kombinieren kann, ist das gar nicht mal so schwer! Ich bin ja ein großer Fan vom freien Spielen, am besten mit anderen Kindern. Je älter die Kinder werden, umso mehr Input brauchen sie von anderen Kindern und nicht von uns Eltern.

Ich bin mir sicher, dass es sehr vielen berufstätigen Müttern und Vätern genauso geht wie mir. Ständig plagt sie ihr schlechtes Gewissen, weil sie doch nach dem Feierabend so viele schöne Dinge mit ihren Kindern machen wollen und dann kommen sie gefühlt doch zu nichts. Hast du Tipps, wie vor allem Mütter ihr schlechtes Gewissen gegenüber ihren Kindern in den Griff bekommen?

Erst einmal müssen wir Mütter uns klarmachen: Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sondern echte Eltern. Und dazu gehört auch, dass wir mal schlecht gelaunt, genervt und müde sind. Kinder verzeihen und das verstehen auch schon kleine Kinder, wenn wir sagen „ich hatte heute einen anstrengenden Tag und muss einmal in Ruhe meinen Kaffee trinken, bevor ich mit dir Puzzle“. Und: Kinder brauchen KEINE großartigen, ausgefallenen Unternehmungen. Wir müssen kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir nicht jeden Tag einen Zoobesuch, Museumsbesuch und Abenteuerspielplatz auf dem Programm stehen haben. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann sind es nicht die Freizeitparkbesuche, an die ich mich erinnere, sondern an die gemütlich im Schlafanzug verbummelten Sonntage und die Pfannkuchen am Samstagmittag. Die machen für mich dieses wohligwarme Kindheitsgefühl aus! Womit wir wieder bei den Ritualen wären.

Du sprichst in deinem Buch darüber, dass der Zauber für unsere Kinder oft in alltäglichen Dingen liegen kann. Kannst du mir ein paar alltägliche Situationen im Familienleben nennen, die einen besonderen Zauber auf unsere Kinder ausüben können.

Einmal die Rituale, die ich eben erwähnte. Der Milchreis am Sonntagnachmittag, das Kuchenbacken am Freitag, der Marktbesuch am Samstag. Und dann auch solche Dinge wie mit dem Auto in die Waschanlage fahren! Ja, wirklich! Für uns alltäglich und für Kinder echt der Hit! Oder im Sommer abends gemeinsam die Blumen im Garten gießen – dabei kann man den Kindern auch schon eigene kleine Verantwortung übertragen. Oder der Gang zur Großbaustelle nach dem Kindergarten.

Das böse Smartphone! Vor allem berufstätige Eltern greifen auch nach ihrem Feierabend oft zum Smartphone, weil sie zum Beispiel noch schnell eine Mail schreiben müssen, ihren Instagram-Account checken oder einfach nur einen Artikel online lesen wollen. Was meinst du? Sollten Eltern das Smartphone aus ihrem Familienalltag nach Möglichkeiten ganz verbannen? Oder wie schaut deiner Meinung nach der richtige Handy-Umgang im Beisammensein mit unseren Kindern aus?

Da muss jede Familie eigene Regeln finden – an die sich aber auch alle halten sollten. Wieso sollten die Kinder ihre Smartphonezeit begrenzen, wenn die Eltern doch auch ständig am Handy hängen? Wir sind Vorbilder und am besten lernen Kinder durchs Nachahmen. Das Smartphone völlig zu verbannen halte ich für nicht umsetzbar und es hat ja auch viele Vorteile. Aber wir sollten handyfreie Zonen einrichten, in denen wir ganz füreinander da sind. Ganz wichtig ist dabei das gemeinsame Essen, bei dem Handys nichts zu suchen haben. Und wenn wir zusammen ein Spiel spielen, puzzeln oder das Essen kochen. Und ganz wichtig: Wenn die Kinder uns etwas sagen wollen. Wir sollten unseren Kindern nicht signalisieren „das Handy ist wichtiger als du“, sondern ganz fürs Kind da sein. Wenn wirklich etwas Wichtiges ist, wie eine dringende Mail vom Chef, dann sollten wir das auch kommunizieren – aber als Ausnahme!

Eine letzte Frage: Bei uns zuhause gibt es oft Drama mit dem Zubettgehen und meistens artet es im Stress aus. Hast du Tipps, wie man das verhindern kann? Und wie vielleicht sogar das Schlafengehen zur einer schönen Zeit sowohl für Eltern als auch Kinder werden kann?

Zwei Sachen sind dabei wichtig: der richtige Zeitpunkt. Und genug Zeit für den Übergang. Der richtige Zeitpunkt verändert sich ja im Laufe des Lebens, deshalb sollte man ihn immer wieder anpassen. Und dann brauchen Kinder einen sanften Übergang. Dabei helfen Routinen, je jünger sie sind, umso wichtiger sind sie. Zwischen Abendessen und Insbettgehen sollte nicht zu viel Zeit liegen, damit sie nicht wieder aufdrehen. Jeder nächste Schritt sollte angekündigt werden, also nicht plötzlich das Spielen unterbrochen werden mit einem „Schlafanzug anziehen, jetzt sofort!“ Es hilft, sich einmal anzuschauen, was einen eigentlich genau stresst. Oft sind die Kinder nicht müde genug – oder bereits zu müde und über den Punkt. Oder sie haben noch etwas zu erzählen und kamen bisher nicht dazu. Was ich bei uns bemerkt habe: Wenn die Kinder nach dem Essen noch etwas im Fernsehen schauen, kratzt sie das wieder auf, so dass sie danach nicht schlafen können. Besser ist es, das auf die Zeit vor dem Abendessen zu schieben. Wir lassen nach dem Vorlesen im Bett immer den Tag gemeinsam revuepassieren. Jeder sagt, was er doof und gut fand. Zuerst das Blöde, damit wir mit dem Guten abschließen. Meine Kinder freuen sich immer auf die Gut-und-doof-Runde! Und was hilft, wenn sich das Einschlafkuscheln mal wieder zieht: Es als Entspannungsübung betrachten. Ich sehe das mittlerweile als Yogaübung, klappt nicht immer, aber es hilft! Und dann auch mal genießen. Denn irgendwann sind sie groß und wir werden das kuschelige Vorlesen und Einschlafen vermissen! Und der Zeitpunkt kommt schneller als uns lieb ist.

Familienleben – praktische Tipps wie berufstätige Eltern trotz wenig Zeit sich und ihre Kinder glücklich machen

Danke, Nathalie für das tolle, informative Interview und ich wünsche dir Erfolg mit deinem Ratgeber «Afterwork Familie – Wie du mit wenig Zeit dich und deine Kinder glücklich machst». Und ich bin schon sehr auf dein nächstes Buch gespannt …

Das Buch über meine Reisen mit Kind durch 22 Länder «Wie Buddha im Gegenwind». Hier LESEPROBE downloaden!

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