Burnout bei Müttern vermeiden. Oder, wie frau besser als nicht perfekte Mama lebt

Oktober 16, 2018

Dieser Artikel wurde aktualisiert am

Burnout bei Müttern ist ein ernstzunehmendes Thema, denn immer mehr Mamas sind heutzutage gefährdet. Sie sind erschöpft, fühlen sich in ihrem Familienalltag überfordert und kämpfen gegen eine ständige Unruhe an. Klar, hat jede Mutter mal eine Phase, die nicht so gut läuft, das Kind oder Baby ständig weint und in der sie weit weg von Ruhe, Gelassenheit und erholsamen Schlaf ist. Doch, wenn Erschöpfung, Unruhe und weitere Beschwerden zum permanenten Dauerzustand werden, besteht auf jeden Fall Handlungsbedarf. Denn immer mehr Mütter leiden heutzutage an Burnout oder sogar an Depressionen.

Burnout bei Müttern vermeiden – mit der richtigen Einstellung

Meine sehr geschätzte Kollegin Nathalie vom Blog Ganz normale Mama hat sich mit dieser Thematik intensiv beschäftigt. Sie möchte Müttern zeigen, dass wir auf keinen Fall perfekt sein sollen. Denn wer in seinem Familienalltag ständig einwandfrei funktionieren möchte und dem Idealbild der fürsorglichen, liebenden, gutaussehenden, erfolgreichen, gutgelaunten Mutter mit dem blitzeblanken Haushalt und Sterneküche nacheifert, bringt sich selber in Gefahr, an Burnout zu erkranken. Deswegen hat Nathalie den wunderbaren Ratgeber Die Kunst, keine perfekte Mutter zu sein* (Affiliate-Link) geschrieben, der sich wirklich sehr unterhaltsam liest. Und ich bin so froh, dass sich die Autorin und selber dreifache Mama die Zeit für mich genommen hat und ich sie mit Fragen zur Thematik Burnout bei Müttern und „wie es sich als Frau besser nicht perfekt lebt“ löchern durfte.

Burnout bei Müttern vermeiden – Interview mit einer Expertin

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Wie dein Buchtitel bereits verrät, schreibst du über das Thema, keine perfekte Mutter zu sein? Was denkst du? Warum ist dieses Thema gerade in der heutigen Zeit besonders wichtig?
Die Statistik zeigt: Immer mehr Mütter leiden unter Burnout. Die Gründe sind vielfältig – es liegt zum einen an den gesellschaftlichen Ansprüchen, an den Ansprüchen, die wir Mütter an uns selbst legen und an den Ansprüchen, die durch die sozialen Medien verstärkt werden. Das Problem an der Sache kennen wir alle selbst: Wenn Mama ausfällt, geht oft gar nichts mehr. Was uns noch mehr unter Druck setzt, alles perfekt zu erledigen.

Bist du der Meinung, dass sich die Ansprüche an eine heutige Mutter im Vergleich zu früher geändert haben? Inwiefern?
Auf die Gefahr hin, dass ich jetzt von einigen Feministinnen einen auf den Deckel bekomme: Früher hatten Frauen Haushalt und Kinder. Heute haben sie Haushalt, Kinder und Beruf. Es kam halt einfach eine Aufgabe dazu. Denn ganz ehrlich, in der Realität bleibt doch meistens der Haushalt an uns hängen. Belegen übrigens auch die Statistiken. Allen guten Vorsätzen zum Trotze verfallen die meisten von uns wieder in alte Rollenmodelle, sobald wir aus dem Kreißsaal kommen.

Viele Mütter kennen es, wir wollen diesen perfekten Spagat zwischen Beruf und Familie meistern. Und wenn ich mir deine berufliche Vita anschaue, denke ich, dass du das immer perfekt hinbekommst. Wie sieht deine Realität aus?
Haha, alles Illusion! Ich habe mich bewusst für Teilzeit entschieden, weil es für mich die perfekte Kombination aus Familie und Beruf ist. Ich habe Zeit für mich und meinen mir wichtigen Beruf – und nachmittags den Kopf frei für Kinder. Naja, weitestgehend jedenfalls. Für mich ist es perfekt so, denn mir ist beides gleichermaßen wichtig. Und als Freiberuflerin habe ich die Luxussituation, auch abends oder am Wochenende mal zu arbeiten. Aber natürlich bleibt dabei etwas auf der Strecke: Ich habe beruflich immer das Gefühl, einfach nicht fertig zu werden. Ich habe so viele Ideen und Projekte, die mehr oder weniger auf Eis liegen oder viel langsamer vorankommen, als ich möchte. Aber ich sage mir immer: Dies ist jetzt die Zeit für meine Kinder. Und es kommen andere Zeiten, da geht es dann beruflich wieder mehr voran. Alles zu seiner Zeit. Und wir wissen ja alle: Kinder werden so verdammt schnell groß!

Was denkst du, woran liegt es, dass bei uns in Deutschland die Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch keine Selbstverständlichkeit ist? Was müsste sich deiner Meinung nach ändern?
Es muss sich ganz grundsätzlich etwas an der gesellschaftlichen Einstellung ändern! Vor allem die Männer sind noch nicht soweit. Solange Väter immer noch schief angeschaut werden, wenn sie Elternzeit nehmen oder die 10 Krankentage der Kinder, sind wir noch weit von echter Gleichberechtigung und Vereinbarkeit entfernt! Auch diese typisch deutsche Anwesenheitskultur in den Büros ist so ein Hindernis. Es ist ja leider so, dass es oft darum geht, wer sich am längsten den Hintern plattsitzt und Überstunden schiebt, als dass der belohnt wird, der seine Arbeit sogar schneller als vorgesehen schafft.

Deine ganz ehrliche Meinung! Karriere und eine gute Mutter sein? Geht das überhaupt?
Ja. Denn eine gute Mutter ist nicht die, die am meisten Zeit mit ihren Kindern verbringt. Das mit der Qualität und Quantität stimmt schon. Und überhaupt, wie definiert man gute Mutter?! Das ist etwas, was jede von uns selbst definieren sollte: Wie will ich sein? Was ist für mich eine gute Mutter? Das ist etwas ganz Persönliches, Individuelles, nichts, was die Gesellschaft oder die Facebook-Community bestimmt.

Wenn nicht immer dieses blöde schlechte Gewissen wäre! Was sind deine Tipps gegen das schlechte Gewissen von Müttern?
Eben dieses Mutterbild für sich selbst definieren und sich klarmachen: Das ist mein Weg. Und da hat mir keiner reinzureden. Und gegen dieses „ich hab zu wenig Zeit“-schlechte-Gewissen hilft, bewusste Zeit mit den Kindern ohne Blick aufs Handy zu verbringen. Wenn ich viel zu tun habe und die Abgabetermine sich drängen, dann hole ich meine Kinder ohne schlechtes Gewissen eine Stunde später aus dem Kindergarten ab. Dafür habe ich danach dann wirklich Zeit für sie. Dann sollen sie lieber eine Stunde länger mit ihren Freunden spielen und haben danach eine entspannte Mutter als eine Stunde früher mit einer gestressten Mutter, die gedanklich bei der Arbeit ist.

Wie unterscheidest du bei Müttern zwischen positivem Stress und negativem Stress?
Stress ist ja eine positive Sache – eine Reaktion des Körpers, die uns besonders leistungsfähig macht. Nur wenn der Stress permanent ist, wenn dazwischen keine Entspannungsphasen sind, dann schadet er dem Körper und der Psyche. Deshalb ist kurzfristiger Stress absolut ok – problematisch wird es erst, wenn wir dauerhaft unter Strom stehen. Deshalb sind Pausen so wichtig, auch kleinere! Denn nur so kann unser Körper Kraft sammeln.

Burnout bei Müttern – was ist das ganz genau? Und woran können Mütter erkennen, dass sie eventuell Burnout-gefährdet sind?
Burnout bei Müttern ist wie bei Managern oder Krankenschwestern oder Lehrern: Wenn der Stress nicht mehr abnimmt. Wenn wir nur noch rotieren, im Hamsterrad sind. Wenn ein Wochenende keine Entspannung mehr bringt. Wenn wir einfach nicht mehr können, auf nichts mehr Lust haben. Wenn dann noch körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, häufige Infekte, Müdigkeit oder Rückenschmerzen hinzukommen, sollte man auch immer an einen Burnout denken und sich an den Hausarzt wenden.

Dein Untertitel heißt „Das Selbsthilfebuch für gerade noch nicht ausgebrannte Mütter“ – welchen wertvollen Tipp würdest du einer Mutter geben, die bereits ausgebrannt ist – oder sogar schon an Burnout oder Depressionen leidet?
Egoistisch sein. Sich Hilfe suchen, beim Hausarzt, bei Beratungsstellen, bei Freunden oder den eigenen Eltern. Und diese Hilfe dann auch annehmen! Niemand kann auf Dauer 100 Prozent geben. Und das müssen wir auch gar nicht. Die Wissenschaft hat gezeigt, 80 Prozent reichen! Stimmt wirklich, das nennt sich Pareto Prinzip.

Wie sollen Mütter über das Thema (mögliches) Burnout mit ihrem Partner sprechen?
Ganz direkt. Und wenn er nicht hören will, am besten ganz drastisch dem Mann klarmachen: Entweder Du und die Kinder, ihr helft mir jetzt und entlastet mich, oder ich gehe drei Wochen auf Kur und ihr müsst das ganz alleine wuppen.

Immer wieder hört man, wie wichtig es ist, dass sich Mamas Auszeiten gönnen, um den Akku wieder aufzuladen. Hört sich theoretisch gut an, aber wie schafft frau es, diese sogenannten Auszeiten regelmäßig im Alltag zu integrieren? Wie sollten diese aussehen?
Viele denken, dass es so eine große Auszeit sein muss: ein ganzer Tag. Oder am besten gleich das Wellnesswochenende. Was nicht immer leicht zu organisieren ist. Und wenn nach dem Wochenende alles so weiter geht wie vorher, ist niemandem geholfen. Viel wichtiger sind die Rituale im Alltag, um Kraft zu tanken. Der Kaffee ganz in Ruhe. Die Atempausen. Die Yogaübungen nach dem Aufstehen. Der Spaziergang in der Mittagspause. Immer mal wieder eine Viertelstunde ganz bei sich zu sein, bringt mehr als einmal im Monat einen Nachmittag zur Massage zu gehen!

Vielleicht ist es so ein typisches Frauen-Ding: Wir wollen nach Möglichkeit alles selber erledigen und schaffen – und fragen nur selten direkt nach Hilfe. Was denkst du über dieses Thema? Und wie können vor allem Mütter aktiv Hilfe einfordern und annehmen?
Wir denken, es ist ein Zeichen von Schwäche, wenn wir Hilfe einfordern. Aber das ist Blödsinn. Es ist ein Zeichen von Stärke, wenn man merkt, dass man es alleine nicht schafft und dann andere um Hilfe fragt! Man kann klein damit anfangen. Wenn einen die Freundin fragt, wie es geht, nicht einfach wie immer „alles gut“ sagen, sondern die Wahrheit: „Du, ich komme grad nicht hinterher.“ Oder „ich wünschte, ich hätte mal Zeit, in Ruhe zu duschen, ohne dass das Baby vor der Dusche rumschreit“. Und wenn dann als Antwort kommt „soll ich mal mit dem Baby um den Block schieben, während du duscht?“ nicht „nein, so schlimm ist es nicht“ antworten sondern einfach: „Oh ja, danke, das wäre klasse.“ Wir sollten einfach ehrlicher sein. Uns gegenüber und anderen gegenüber.

Und zum Schluss noch mal eine sehr persönliche Frage: Was würdest du schätzen? Wie weit bist du selber von einer perfekten Mutter entfernt? Auf eine Skala 1 bis 10?
Ich bin alles andere als perfekt, viel zu ungeduldig und chaotisch. Auf so einer Skala wäre ich vielleicht eine Fünf. Aber weißt du was? Ich bin gut genug. Das ist, was zählt. Und was gut genug ist, das bestimme ich selbst.

Nurnout bei Müttern vermeiden – ein Interview mit einer Expertin

Übrigens, Nathalie (ich nenne sie immer liebevoll die Schreib-Maschine) hat noch einen anderen Ratgeber verfasst: Willkommen Geschwisterchen! … Und es wird gemunkelt, dass sie bereits an einem neuen Buch schreibt. Ich werde dich also auf dem Laufenden halten!

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