Zuhause angekommen. Oder: mein Problem mit der Liminalität

Januar 13, 2017

Der Tag danach … Heute bin ich um 3 Uhr morgens aufgewacht. Draußen war es stockdunkel und im ersten Moment überkam mich ein ungewohntes Gefühl der absoluten Orientierungslosigkeit. Ich wusste nicht, wo ich war. Dieses nicht-zu-wissen-Gefühl war für mich sehr eigenartig. Es fühlte sich an, als ob ich gerade auf dem weiten Meer treiben würde, erwischt von einer meterhohen Welle, untertauche und nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Absolut orientierungslos. Doch im zweiten Moment kam schon die Erkenntnis. Nach einer 7-wöchigen Reise durch Kambodscha und Sri Lanka gemeinsam mit meinem kleinen Sohn wachte ich das erste Mal wieder in meinem eigenen Bett auf. Komisch. Da reise ich durch ferne Länder, besuche über 30 Orte, übernachte ständig in anderen Betten, weiß nicht, wohin mich meine Reise als nächstes führt, erkunde völlig planlos die Welt. Und erst zuhause übermannt mich das Gefühl von Orientierungslosigkeit …

Das Problem hat einen Namen: Liminalität
Vor ein paar Tagen bin ich in einem Buch über das Wort Liminalität gestolpert. Dieser Begriff wird in der Ethnologie verwendet und beschreibt einen Schwellzustand zwischen zwei Entwicklungsstadien – die sogenannte Phase zwischen nicht mehr und noch nicht. Passt perfekt, um meinen aktuellen Gefühlszustand zu kategorisieren: nicht mehr auf Reisen aber auch noch nicht zuhause angekommen. Es scheint so, als ob ich zwar physisch wieder heimgekehrt bin, meine Seele sich jedoch irgendwo über den Wolken zwischen Sri Lanka und Deutschland befindet und noch ein wenig Zeit benötigt, um nachzukommen.

Die Imitation von meinen alten Aufgaben
Der Ethnologe sagt außerdem: Die Begleiterscheinung der Liminalität ist oft, dass man bereits Verhaltensweisen des Zielzustands imitiert, um zu versuchen, sich schneller zu integrieren. Bingo! Genau dieses Phänomen konnte ich auch gestern bei mir beobachten. Ankunft zuhause, im getrauten Heim. Während mein 20-monatiger Sohn bereits im Auto erkannte, dass wir Daheim angekommen waren und freudestrahlend in sein Zimmer rannte, um gezielt alle Spielsachen kunterbunt in seinem Kinderzimmer zu verteilen – lief ich stundenlang völlig ziel- & planlos durch meine eigenen vier Wände herum. Total übermüdet wollte ich Ordnung schaffen. Den Rucksack auspacken, Wäsche waschen, aufräumen, doch irgendwie gelang mir mein Vorhaben nicht. Statt der gewünschten Ordnung wurde meine Wohnung immer chaotischer. Ich hatte das Gefühl, als ob ich mich selber aus der Ferne beobachten könnte. Wie ich ohne Sinn & Verstand mich bemühe, alles auf einmal zu machen – und es mir dennoch nicht gelingt, tatsächlich etwas zu erledigen. Nach mehreren Stunden gab ich auf. Ich erkannte, dass ich krampfhaft versuchte, meine alltäglichen Aufgaben wiederaufzunehmen, um schneller anzukommen. Vergebens. Dementsprechend verschob ich das Ordnung-Schaffen auf den nächsten Tag und legte mich bereits um 19 Uhr schlafen.

Das Gedankenkarussell
Dass heute meine Nacht bereits um 3 Uhr vorbei war und ich es nicht schaffte, nochmal einzuschlafen, ist ein weiterer Beweis dafür, dass ich noch nicht im hohen Norden angekommen bin. Während mein Sohn tief und fest schlummerte und wie immer erst zu seiner gewohnten Zeit um 7 Uhr erwachte, wälzte ich mich Jetlag geplagt im Bett hin und her. Das Gedankenkarussell begann. An mir ziehen zahlreiche bunte Bilder vorbei. Was hatte ich alles in den vergangenen 7 Wochen erlebt! So viel gesehen und unternommen – und nun droht, der graue Alltag mitten im Winter mich voll zu erwischen. Zu allem Übel höre ich draußen, einen Sturm aufkommen. Auf das Hamburger schiet Wetter ist halt Verlass. Es regnet, der Wind pfeift und im Radio warnen sie vor einer Sturmflutgefahr. Herrlich. Die tiefgraue Farbe am Himmel passt doch hervorragend zu meiner noch dunkleren Stimmung. Sage ich zu mir selber und muss irgendwie plötzlich schmunzeln. Was für eine klischeehafte Momentaufnahme. Wie aus einem Bilderbuch. Denke ich, während ich versuche, den riesigen Berg an Schmutzwäsche zu bewältigen.

Eine Frage der Perspektive
Gleichzeitig muss ich mir eingestehen, dass ich zweifelsohne nicht nur schmutzige Wäsche und über 5.000 Fotos von meiner Reise mit nach Hause bringe. Sondern auch überwältigende Erinnerungen, wundervolle Begegnungen und unvergessliche Momente. Und so langsam wird mir mal wieder bewusst, dass vieles eine Frage der Perspektive ist. Mein persönliches Mantra, welches mir schon in zahlreichen schwierigen Situationen aus der emotionalen Beklemmung geholfen hat. So wie auch jetzt. Denn nur ich allein bin dafür verantwortlich, wie sich mein aktueller Gefühlszustand weiterentwickelt. Und wie lange ich in der sogenannten Liminalitäts-Phase verweile. Erneut muss ich schmunzeln. Beim Gedanken, dass Ethnologen es geschafft haben, meine jetzige emotionale Achterbahnfahrt auf ein Wort zu reduzieren. Liminalität. So einfach können einige Dinge sein. Und irgendwie fange ich gerade an, das Wort zu mögen. Und zugleich auch den besagten Schwellzustand zwischen zwei Entwicklungsstadien. Die Phase, in der ich mich gerade befinde.

Unbezahlbar, kostbar & reich
Und noch ein Gedankenblitz schießt mir durch den Kopf. Als ich gestern nach Hause kam, begrüßte mich in freudiger Erwartung meine Kreditkartenabrechnung. Völlig unbeteiligt öffnete ich den Brief und nahm die Summe zur Kenntnis. Eigentlich hätte ich beim Anblick des Betrags kurz erstarren müssen. Was, so viel wurde gerade von meinem Konto abgebucht?! Doch widererwartend tangierte mich diese finanzielle Tatsache so gar nicht. Zahlen waren halt noch nie meine Welt.

Apropos Kreditkarte, ich muss gerade an eine alte Werbung von Visa denken, in der die Preise für verschiedene materielle Dinge genannt werden und zum Schluss ein Erlebnis als unbezahlbar bezeichnet wird … Ja, so ist es. Einige Dinge im Leben sind einfach unbezahlbar – und dafür umso kostbarer. Und für mich gehört definitiv das Reisen zu solchen Erlebnissen, die mein Leben bereichern. So viele überwältigende Erinnerungen, wundervolle Begegnungen und unvergessliche Momente – die mich ab sofort in meinem weiteren Alltag begleiten werden. Sehr schöner Gedanke. Muss ich mir gerade eingestehen. Und plötzlich fühle ich mich so unendlich dankbar und reich an Erfahrungen, die ich die vergangenen 7 Wochen erleben durfte – trotz emotionaler Liminalitäts-Probleme in meinem getrauten Heim…

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3 comments

  1. Comment by Heike S. aus N.

    Heike S. aus N. Reply Januar 13, 2017 at 7:14 pm

    Liebe Gabriela,
    willkommen daheim! Uau, da hast Du Dir ja ein Wetterchen zum Heimkommen ausgesucht…
    Ich hab da so ’ne Postkarte: „Früh, kalt, dunkel – sorry, das ist nicht mein Ding“ – die wäre auch was für Dich, hm? 🙂
    „Liminalität“ habe ich noch nie vorher gehört, aber das klingt alles sehr plausibel und auch vielseitig verwendbar 🙂
    Jaaa, auch ich kenne Liminalität, ziemlich gut sogar 🙂

    Komm gut wieder an zu Hause! Ich freue mich schon auf Deine(n) Bericht(e)!

    Liebe Grüße, Heike

      

    • Comment by Gabriela Urban

      Gabriela Urban Reply Januar 16, 2017 at 10:54 am

      Hallo Heike, ja, deine Postkarte würde auch zu 100% zu mir passen. Der Winter ist halt so gar nicht meine Jahreszeit – und ich bin fest der Überzeugung, dass ich im falschen Breitengrad geboren bin. Aber was soll‘s nur jammer, hilft auch nicht weiter 😉 Ganz liebe Grüße Gabriela

        

  2. Pingback: Brief an mein früheres Ich. Oder: die nächste Runde auf dem Karussell | Mami bloggt

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