Brief an mein früheres Ich. Oder: die nächste Runde auf dem Karussell

Januar 17, 2017

Wenn ich einen ehrlichen Brief an mein früheres Ich schreiben würde, wäre der Inhalt sehr niederschmetternd. Vor allem wenn ich ihn heute schreibe. Denn das Leben besteht nicht nur aus Sonnenschein, sondern auch aus tiefem Schatten. So ist es nun mal. Das Karussell des Lebens dreht kontinuierlich seine Runden und dabei geht es streckenweise hochhinaus und dann wieder tiefhinab. Das Prinzip ist einfach. In der Theorie zumindest. In der Praxis gestaltet sich diese Karussellfahrt nicht immer als das pure Vergnügen – und gleicht vielmehr einer emotionalen Achterbahnfahrt. Hierzu jedoch später noch mehr …

Unbeschwert, unkompliziert & vielversprechend
Doch zurück zum Brief. Heute also schreibe ich einen offenherzigen Brief an mein früheres Ich. Dieses Ich ist 25 – und dementsprechend 13 Jahre jünger als mein heutiges Ich. Es befindet sich gerade im Auslandssemester in Lissabon und bis auf ein paar Vorlesungen & Seminare tagsüber und anstehende Klausuren & Hausarbeiten ist das Leben gerade relativ unbeschwert & unkompliziert. Ein bisschen lernen, viele Cafés trinken und andauernd Freunde treffen. Mal am Strand, in den Bars oder an anderen sonnigen Plätzen. Mit anderen Worten: Es lässt sich aushalten. Der Blick in die Zukunft sieht eigentlich auch vielversprechend aus. Das Ende des Studiums naht. Dann steht mir die weite Welt wieder offen. Ob ich in Deutschland bleibe oder nach Brasilien, Hong Kong oder Mozambik gehe, entscheide ich später. Und wie sehr freue ich mich, endlich ins Berufsleben einzusteigen. Arbeiten. Geldverdienen. Selbstverwirklichung. Und dann … ja irgendwann dann kommt die Familie. Vielleicht mit einem oder zwei Kindern. Dann ist mein großes Glück perfekt.

Ich muss schmunzeln
Ich blicke hinab zu meinem früheren Ich und schmunzele. Nicht dass ich es auslache, aber irgendwie muss ich die Gedanken und Vorstellungen ein wenig belächeln. Vielleicht ist es gut, dass du heute noch keinen blassen Schimmer davon hast, wie dein Leben mit 38 aussehen wird. Dennoch möchte ich dich heute ein wenig mit deinem späteren Ich konfrontieren …

Dieser friedvolle Moment
Heute morgen bin ich kurz vor 7 Uhr aufgewacht und eigentlich verliefen die ersten paar Minuten ganz harmonisch. Mein fast 2-jähriger Sohn stand bereits kerzengrade in seinem Bettchen, die Arme weit offen, um mich zu umarmen. Gefolgt von einem fröhlichen Quicken, als ich ihn aus seinem Schlafsack holte. Auf zu lebensbejahenden Schandtaten sollte sein fröhliches Quicken bedeuten. Also noch mal schnell die Ruhe genießen, bevor in wenigen Augenblicken mein alltäglicher Wahnsinn wieder von vorne beginnt. Milchflasche warmmachen, einen großen Becher unter den Kaffeeautomaten stellen – und dann flink noch mal gemeinsam ins warme Bett kuscheln. Herrlich. Dieser friedvolle Moment hielt exakt 27 Sekunden an. Solange benötigt nämlich mein Sohn, um seine Milch runterzustürzen.

Heftige Stimmungsschwankung
Der Kaffee hatte noch nicht mal ansatzweise die krampfhaft ersehnte Wirkung bei mir erzielt, als bereits die erste pechschwarze Gewitterwolke über unser Haus aufzog. Irgendetwas passte meinem Sohn gerade nicht. Mal wieder! Heftige Stimmungsschwankung innerhalb der kürzesten Millisekunde, die du dir vorstellen kannst. Glaube mir, Dr. Jekyll und Mr. Hyde sind / ist nichts dagegen. Ohne jegliche Vorwarnung folgt ein schrilles Kreeeeischen. Zweifelsohne hätte Pavarotti an diesem Ton seine wahre Freude gehabt. Ich jedoch nicht. Denn da waren sie wieder. Meine Kopfschmerzen, die mich in der letzten Zeit tagein tagaus begleiten. Tägliche Kopfschmerzen? Wirst du dich sicherlich gerade fragen. Nein, keine Angst – sie sind nicht die Folge von exzessiven Partys & dem übertriebenen Alkoholkonsum. Die Ursache liegt schlicht und einfach am exzessivem & übertriebenem Gekreische meines Sohnes. Egal was ich sage, wenn meinem Sohn etwas nicht passt, dann kreischt er mich einfach an. Laut. Schrill. Und extrem ohrenbetäubend. Und das bereits seit mehreren Wochen.

Der Sparring-Partner
Hinzu kommt, dass mein Sohn gerade eine besonders trotzige Phase erlebt – und ständig Grenzen austestet. Mir wurde die liebenswerte Aufgabe zugeteilt, sein Opfer und gleichzeitig Sparring-Partner zu spielen. Dementsprechend werde ich auf unschöne Art und Weise ständig von ihm malträtiert. Oft versuche ich, in Deckung zu gehen, doch ich bin nicht schnell genug. Zack, schon wieder der nächste Kratzer im Gesicht. Hinzu kommen liebvolle Tritte beim Wickeln, herzliches Haareziehen, sanftmütige Schläge, gutmütige Piekser ins Auge und hingebungsvolle Beißer. Alles im Rahmen des Normalen, sagt der Erziehungsratgeber.

Der routinierte alltägliche Wahnsinn
Doch zurück zum heutigen Morgen. Nach der tiefschwarzen Gewitterwolke kehrte schnell der routinierte alltägliche Wahnsinn ein. Wickeln. Anziehen. Frühstück machen. Angetrocknete Haferflocken vom Teppich kratzen. Auf Duplosteine treten. Zum 87 Mal nein brüllen. Aufräumen. Realisieren, dass ich wohl niemals schaffen werde, das ganze Chaos bei uns zu beseitigen. Akzeptieren, dass mein Sohn schon wieder die nächste Schublade in der Küche ausgeräumt hat. Kurzes Innehalten. Moment mal. Was war das denn für eine ausgeprägte Duftmarke? Na klar, eine stinkende Windel wartet darauf gewechselt zu werden. Dazu gibt es den vielbesagten liebevollen Tritt in den Bauch. Und dann holt der Sumoringer erneut zum Schlag gegen seine Mami aus. Warum soll er denn jetzt auch einen Body anziehen? Und auch Strumpfhosen sind völlig überflüssig. Also ein lauter Kreischer. Schnell wegrennen. Durch die Wohnung flitzen – und mit Mami Kriegen spielen. Aufgeben? Geht nicht! Ich bin Mutter und muss daher meinen Pflichten nachkommen. Vehement flitze ich hinter her. Geschnappt. Den Body über den Kopf gezogen. Gewonnen – denke ich. Doch da beißt mich mein Sohn bereits kräftig ins Bein. Mist schon wieder der nächste blaue Fleck, ich zucke zusammen. Dabei befreit sich mein Sohn aus meinen Armen und fällt mit dem Kopf auf den Boden. Das dumpfe Geräusch verheißt nichts Gutes. Die Kampfbilanz: 1 blauer Fleck für Mami : 1 Beule für das heißgeliebte Kind.

Wo ist meine goldene Mitte geblieben?
Ich spreche ganz offen mit dir. Es gibt Momente in meinem Leben, in denen ich denke, ich kann nicht mehr. Und vor allem: Ich will auch nicht mehr … Diese Momente häufen sich in der letzten Zeit. Es fällt mir schwer, meine goldene Mitte zu finden. Und manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn ich das Haus verlassen würde und erst ein paar Tage später wiederkäme. Hinzu kommt auch das vergangene Jahr, voller Hiobsbotschaften und unschöner Dinge, wie beispielsweise meine Kündigung im direkten Anschluss an meine Elternzeit und und und … Ich sehe, wie du beim Lesen immer mehr erstarrst. Das soll meine Zukunft sein, wirst du dich fragen.

Die innere Zufriedenheit ist mir abhandengekommen
Jetzt wirst du mich niedergeschmettert fragen, ob ich wirklich glücklich bin. Sei unbesorgt. Das bin ich, auch wenn es augenblicklich nicht so scheinen mag. Denn meine Familie ist mein allergrößtes Glück. Und seitdem mein Sohn auf der Welt ist, macht alles irgendwie viel mehr Sinn. Ich bin mir sehr sicher, wenn ich dir diesen Brief vor ein paar Wochen oder einen Monat später geschrieben hätte, dass meine Wortwahl komplett anders ausgefallen wäre. Dann würde ich dir primär erzählen, was ich empfinde, wenn mein Sohn auf mich zugerannt kommt und umarmt. Wie es ist, gemeinsam mit ihm laut zu toben. Ihn zu sehen, wie er Papa beim Telefonieren nachmacht oder mich imitiert, wie ich ständig alles fotografiere. Ihn zu beobachten, welche Fortschritte er macht, wie er voller Stolz mithilft, den Tisch zu decken oder zum Radio läuft, die Musik aufdreht und tanzt. Definitiv würde ich dir dann auch erzählen, dass sein kindliches Lachen immer wieder mein Herz erwärmt und seine strahlenden Augen die purste Glückseligkeit für mich sind … Und trotz dieser vielen glücklichen Momente fällt es mir zum jetzigen Zeitpunkt sehr schwer, meine innere Zufriedenheit zu spüren. Sie ist nicht da. Sie ist mir irgendwo zwischen Winterblues und Alltagstrott abhandengekommen. Mir fehlt die Geduld, ich bin gereizt & kraftlos, abends falle ich völlig erschöpft ins Bett, um am nächsten Morgen wieder dem alltäglichen Wahnsinn entgegenzublicken.

Perspektivwechsel: ein Brief von meinem 63-jährigen Ich
Und während ich gerade diesen Brief an mein frühes Ich schreibe, stelle ich mir vor, wie eine andere Stimme meine schwermütigen Gedanken unterbricht. Es ist mein späteres Ich. Mein 63-jähriges Ich schaut auf mich hinunter und fängt an zu schmunzeln. Es belächelt mich ein wenig. All meine jetzigen hoffnungslosen Probleme haben sich 25 Jahre später in Luft aufgelöst. Mein Sohn ist erwachsen, lebt schon lange nicht mehr bei uns zuhause, schwirrt irgendwo in der Weltgeschichte rum (vielleicht in Brasilien, Hong Kong oder Mozambik?) – und all der Kummer von heute ist spurlos verschwunden. Würde mein 63-jähriges Ich jetzt einen Brief an uns beide schreiben, dann bin ich mir sicher, dass sehr viel Wehmut anklingen würde. Wehmut nach der guten alten Zeit, in der das Kind noch klein war, alles auf den Kopf stellte und das Zuhause tagtäglich mit Glück erfüllte. Vielleicht würde der Brief auch ein wenig melancholisch ausfallen, da der Lebensabend sich leise und doch klangvoll ankündigt …

Die nächste Runde auf dem Karussell
Und während ich gerade diesen Gedanken nachhänge, muss ich anfangen, zu schmunzeln. Vielleicht ist alles einfach nur eine Frage der Perspektive. Vielleicht ist alles nur eine Frage der Zeit – aus welchem Blickwinkel & zu welchem Zeitpunkt ich die Probleme betrachte. Zweifelsohne, befinde ich mich gerade emotional auf der Schattenseite. Aber wie sagt man so schön: Nach Regen kommt Sonnenschein … Ich muss ein wenig über mich selber lachen. Da schreibe ich niedergeschmettert einen imaginären Brief an mein 25-jähriges Ich, werde unterbrochen von meinem 63-jährigen Ich – um zur Erkenntnis zu gelangen, dass ich gerade eine beschissene Phase durchleide, aber schon bald wieder die guten Tage an meiner Tür klopfen werden. Das ist halt das Prinzip des Lebens. Na gut, ich gebe mich geschlagen, klappe den Laptop zu, stehe auf – und bin wieder bereit. Bereit für die nächste Runde auf meinem Karussell …

Wie schaut es bei dir aus? Ist dir gerade auch deine goldene Mitte zwischen Winterblues & Alltagstrott abhanden gekommen? Erzähle mir davon! Hinterlasse hier einen Kommentar – oder schreibe mir eine Mail an mami.bloggt@yahoo.de – ich freue mich auf DEINE Geschichte …

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3 comments

  1. Comment by Manuela

    Manuela Reply Januar 17, 2017 at 6:55 pm

    Wirklich ein gelungener Artikel!
    Mir geht es wirklich gerade so ähnlich wie dir, mein Sohn ist ein Jahr alt und im Moment auch sehr anspruchsvoll.
    Hinzu kommt ein total schlechter Schlaf seit längerer Zeit (wie lange habe ich vergessen 😂😂)
    Na ja, ich bin auch recht platt im Moment, aber dein Artikel hat mich gerade wieder optimistisch gestimmt! Ich musste einfach mal von jemand anderem hören, dass es garantiert wieder besser wird.
    Irgendwann zumindest 😃😃
    Danke für deine ehrlichen Worte und liebe Grüße!

      

    • Comment by Gabriela Urban

      Gabriela Urban Reply Januar 17, 2017 at 7:20 pm

      Hallo Manuela, sehr gerne. Mir fällt es auch gerade schwer, zu glauben, dass es irgendwann besser wird. Aber irgendwann bestimmt 😊 Hoch & heilig versprochen 😉

        

  2. Comment by Mel von Kind im Gepaeck

    Mel von Kind im Gepaeck Reply Januar 17, 2017 at 9:46 pm

    Liebe Gabriela,
    das ist der Winter. Heute, hier in Wiesbaden, bin ich noch bester Laune. Morgen, wenn ich alleine nach Hause fahre und dann vielleicht noch das Wetter schlecht ist, werde ich mich auch wieder fragen. Warum? Klar, wenn der kleine Mann dann noch zickt…. Wenn ich das lese scheint es bei Samu echt harmlos zu sein. Das Pavarotti-Kreischen ist mir jedoch bekannt – und manchmal würd ich am liebsten kurz zurückbrüllen 😉 Kommt in der Öffentlichkeit aber glaub schlecht an.
    Denk „einfach“ an die schönen Tage die ihr in den letzten Wochen gemeinsam hattet!
    Liebe Grüße von uns
    Mel

      

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