Reisen mit Kleinkindern – warum tun wir uns das an?

Januar 4, 2017

Ja, warum tun sich das so viele Eltern an? Und was ist am Reisen mit Kleinkindern anders? Und gibt es vielleicht etwas, was die Eltern auf einer Reise von ihren Kindern lernen können? … In diesem Gastbeitrag entführt dich Andrea vom Blog Any Working Mom in ihren Reisealltag mit ihren zwei – und schon sehr bald drei – Kindern …

Am anstrengendsten ist wohl das Warten
Warten auf eine Fähre, warten, bis die Autofahrt zu Ende ist, warten, bis das Essen kommt. In den Momenten, in denen wir prä-Elternschaft den nächsten Tag planten, die Landschaft kommentieren oder einfach auch mal die Klappe hielten, wird jetzt mit Vorliebe gequengelt. Denn Kinder – und das ist sogar wissenschaftlich bewiesen – können nicht warten.

Eine Reise ist nicht gleich Urlaub – das war schon vor den Kindern so, und ändert sich natürlich mit ihnen nicht. Sie fordert Flexibilität, Ausdauer und Neugierde – und immerhin von Letzterer bringen Kleinkinder mehr als genug mit.

Sie ist es denn auch, die Wartezeiten überbrückt, fordert aber von uns Eltern den Dauereinsatz: „Oh, schau, ein Häschen!“ „Wie viele Schiffe sind das da draußen?“ „Hast du gesehen, der Mann hat ganz viele Sticker auf dem Koffer!“.

Und natürlich müssen wir gleichzeitig den Enthusiasmus auch wieder bremsen: „Lass das Häschen sofort wieder los!“ „Komm. Von. Dieser. Boje. Runter!!“ „Hör auf, die Sticker vom Koffer zu puhlen!“.
Und weil auf einer Reise leider selten ein Au-Pair oder sonst eine helfende Hand zugegen ist, sind beide Elternteile nach der Gutenachtgeschichte (oh ja, die Rituale bleiben auch auf Reisen) nudelfertig.

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alle Fotos: ©Andrea Jansen vom Blog: Any Working Mom

Wieso tun wir uns das also an?
Um ehrlich zu sein: Manchmal fragen wir uns das auch. An Tagen wie diesen, wenn wir uns tatsächlich an einem der schönsten Strände wiederfinden und nicht einmal die Strandspielsachen vergessen haben, der Sohn aber im schrillen Falsetto (die Vögel flogen aus den Baumwipfeln, ich schwör’s!) nach seinem Nuggi schreit, den er eigentlich vor über einem halben Jahr dem Osterhasen mitgegeben hat. Oder das Töchterli, das leider mit dem falschen Beinchen aufgestanden ist und seither ÜBERALL einen Grund zum Nörgeln findet (sogar am Papi, und das will was heißen) – primär wegen Frechheiten wie einer subjektiv falsch zugeschnittenen Pizza oder zu viel / zu wenig / zu nassem Sand im Kübelchen. Ugh!

Verwöhnte Saugoofen. Da fliegt man mit ihnen um die halbe Welt, stellt ihnen einen Sandkasten vor die Füße, bestellt ausnahmsweise sogar einmal ein Coca Cola und dann sowas.

Wir entdecken gemeinsam die Welt – aus anderen Perspektiven
Aber Moment: WIR wollen ja die Welt entdecken.
Der Wunsch, die Welt zu bereisen, ist unserer, nicht der der Kinder. Sie wären wohl auch glücklich mit einer Fahrt im „Spielplatzzug“ von Zürich nach Bern oder einem Besuch im Zoo. Wir wollen reisen, und die Kinder kommen mit. Es ist unser Wunsch, unser Traum, den die Kinder mitleben (müssen). Deshalb machen wir auch nie explizit „Kinderferien“ oder ein solches Programm. Was wir unternehmen, soll kindertauglich sein – was aber bei kleinen Kindern ja eigentlich relativ einfach machbar ist. Im Museum hat’s ein kleines Kätzchen? Toll – die Kids sind busy mit dem Büsi und wir bestaunen das Kolonialhaus von anno dazumal.

Und genau das ist es auch, was das Reisen mit Kindern nicht nur anstrengend, sondern oft auch ziemlich wunderbar macht: Unsere Erlebnisse und Wahrnehmungen sind komplett anders.
Während für uns eine Wanderung durch den Dschungel das Highlight des Tages war, haben die Kinder spätestens beim Abendessen beschlossen, dass sie auch einen Papagei als Haustier haben wollen, weil so einer zufälligerweise beim Kassenhäuschen des Nationalparks auf dem Stängeli hockte.

Sie stellen uns Fragen, die wir zuerst googlen müssen („Was fressen eigentlich Krabben?“) und dabei selber noch etwas lernen. Ihnen fallen Details auf – die Länge von Schildkrötenkrallen, die Herzform einer Insel, der gemusterte Käfer an der Balkontüre, der sich schlussendlich als endemisches Nationalgefleucht herausstellt.

Ihre Begeisterung ist ehrlich, nie über- oder untertrieben, und es gibt kaum Schöneres, als den eigenen Kindern beim Quieken zuzuhören, wenn sie den 352igsten Gecko entdeckt haben.

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Ein anderes Tempo
Das Reisen mit Kindern hat einen anderen Rhythmus. Es ist viel geplanter (ich gehörte früher zu der Sorte, die bei der Immigration improvisieren und sich ein Hotel für die erste Nacht aus den Fingern saugen musste) geworden, weil das zur Entspannung beiträgt.

Die Zeit, vor Ort groß zu recherchieren oder sich einfach treiben zu lassen, fehlt oft. Lieber habe ich einen Plan, den ich aber gerne auch mal spontan für Plan B eintausche. Auch ganztägige Gruppenausflüge kann man zwar wagen – aber überall da, wo individuelle Bedürfnisse keinen Platz haben, wird es mit kleinen Kindern schwierig. Sie haben nämlich viele davon. So alle fünf Minuten Sekunden. Während ich vor ein paar Jahren auch mal 15 Stunden in einem Bus verbrachte, würde ich mich hüten, das heute mit zwei, bald drei Kleinkindern zu wiederholen. Auch wenn es sicher ganz Bad Ass tönen würde und wir danach einen Expedia-Vortrag halten könnten – diese Zeiten sind bis auf Weiteres vorbei. Und ich trauere ihnen nicht nach, sondern bin froh, sie so intensiv gelebt zu haben.

Es macht auch Stolz, als Familie zu reisen. Dinge gemeinsam zu erleben, ein Land gemeinsam zu entdecken und auch mal zu sagen: „Das weiß ich nicht, komm, wir finden es gemeinsam heraus“. Ich mache mir keine Illusionen – meine zweijährige Tochter wird sich schon in einem Jahr nicht mehr an ihre Erlebnisse erinnern können. Vielleicht aber an ein Gefühl, an einen Geruch, an einen Moment, in dem sie sich mit uns wohl gefühlt hat. Das sind Erinnerungen, für die man nicht um die halbe Welt fliegen muss. Aber wir finden es trotzdem schön, ist sie mit dabei.

Ein Gastbeitrag von www.anyworkingmom.com

Über Any Working Mom Andrea:
Ich bin eine dieser Mütter, die alles haben will. Und die nur schwer einsieht, dass eben nicht alles geht. Oder zumindest nicht gleichzeitig. Oder ohne dabei auszusehen, als hätte mich ein Bus überfahren.

In diesem Blog geht es um meine immer wiederkehrende Erkenntnis: Man kann nicht alles haben.

Mit unseren zwei, bald drei Kindern reisen wir gerne – in die Ferne oder manchmal auch nur in die nächste Stadt, aber immer mit viel Neugierde und Nerven im Gepäck.

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Fotocredits: @Andrea Jansen, Blog: Any Working Mom

 

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7 comments

  1. Comment by Andrea

    Andrea Reply Januar 4, 2017 at 8:30 am

    Herzlichen Dank Gabriela!

    Ist sehr schön geworden!! Ich freue mich dann auf Deinen Gastbeitrag und bin sehr gespannt, was Du mir über Kambodscha erzählen kannst (ich war schon vier Mal, aber noch nicht mit den Kids)!

    Herzlich und alles Gute, Andrea

      

    • Comment by gabriela_urban

      gabriela_urban Reply Januar 6, 2017 at 1:20 am

      Hallo Andrea, schön, dass es dir gefällt 😊 Sobald ich hier auch etwas besseres Internet habe, folgt auch ein Facebook Post.

      Kambodscha ist wunderschön, ich habe mich total in das Land verliebt. Liebe Grüße aus Sri Lanka

        

  2. Comment by Sophie

    Sophie Reply Juni 30, 2017 at 1:30 pm

    Hallo zusammen,
    vielen Dank für den tollen Beitrag 🙂
    Mein Mann und ich wollen es diesen Sommer wagen einen Wander Urlaub mit den Kindern zu machen. Habt ihr Tipps worauf wir achten sollten?
    Eine Ferienwohnung haben wir schon.

    LG
    Sophie

      

  3. Comment by Nadine

    Nadine Reply August 15, 2017 at 7:00 am

    Hallo Gabriela,
    toller Artikel! Ich und meine zwei Kids fahren bald in Urlaub. Ich möchte gerne in ein Familienhotel, damit ich entspannen kann und die Kinder beschäftigt sind. Habt ihr das auch so gemacht? oder Freunde von dir?

    Grüße aus Berlin
    Nadine

      

    • Comment by Gabriela Urban

      Gabriela Urban Reply August 15, 2017 at 8:17 am

      Hallo Nadine, wir sind eher als Backpacker und Individualreisende unterwegs. Ich weiß, das ist nicht jedermanns Sache, aber wir können beim Reisen einfach nicht die Füße stillhalten und wollen immer sooo viel sehen. Manchmal kommen wir aber schon in kleineren Familienhotels unter. Je nachdem, was ich finde und wie es uns gefällt. Herzliche Grüße Gabriela

        

  4. Comment by Jonas

    Jonas Reply September 11, 2017 at 7:52 am

    Guten Tag liebe Mitleser,
    vielen Dank für diesen informativen Beitrag. Eine Reise mit den eigenen Kinden kann zwar sehr schön sein, jedoch auch eine ziemliche Herausforderung. Dennoch stellt der Urlaub mit meinen Kindern die schönste Zeit im Jahr dar. Als ich mich über die verschiedenen Arten des Reisens informieren wollte, bin ich auf eine Busvermietung gestoßen, die eine interessante Alternative zum Flugzeug oder Auto ist. Habt ihr ebenfalls Erfahrungen mit Busreisen gemacht? ist das sehr anstrengend mit Kindern an Bord?

      

    • Comment by Gabriela Urban

      Gabriela Urban Reply September 11, 2017 at 9:34 am

      Hallo Jonas, ich bin mit meinem Kleinen Sohn in Asien, Südamerika und teilweise auch Europa sehr viel Bus gefahren. Teilweise auch sogar 12 Stunden am Stück. Muss zugeben, dass es teilweise weniger anstrengend war, als befürchtet. Und man hat während so einer Fahrt auch viel Zeit zum Kuscheln … Herzliche Grüße Gabriela von Mami bloggt

        

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